So ist es oft: ich denke, nun hab' ich's endlich, heureka!, und dann lese ich mein Geschriebenes später noch einmal und spüre sofort den Impuls, alles zu löschen und von vorne anzufangen. Zum Glück passiert mir das im Moment nur mit dem Anfang meines Romans ("nur"?), aber gerade da werden meine Zweifel zur Verzweiflung. Ich weiss noch immer nicht, wie/wo/wann meine Geschichte wirklich anfängt, an welchem Punkt der Handlung ich in das Erzählen einsteigen soll.
Seit kurzem bin ich Mitglied in einer Online-Schreibwerkstatt (www.schreibwerkstatt.de). Dort gibt es einen Beitrag, der sich genau mit dieser Problematik befasst: wo anfangen? Der Ratschlag lautet: wenn du das nicht genau weisst, verlege den Anfang des Romans zeitlich zurück, immer weiter. Erzähle die ganze Vorgeschichte mit, alles das, was du sonst in Rückblenden erzählen würdest. Der Sinn dieses Rates liegt wohl darin, dass es einem irgendwann von alleine klar wird, wann die eigentliche Geschichte anfängt.
So weit, so gut. Das Problem ist: ich habe genau das getan und bin mit dem Anfang der Erzählung immer weiter in die Vergangenheit gerückt, bis die Geschichte sozusagen kopflastig geworden ist. Und was ich nun am Anfang erzähle, weist in nichts auf das hin, was den eigentlichen Inhalt der Geschichte darstellt.
Alle Romanfiguren haben eine Biographie (oder sollten eine haben, wenn sie glaubhafte Charaktere sein sollen), d.h. sie haben Dinge erlebt, die sie zu den Menschen geformt haben, die sie heute sind, so wie reale Menschen auch. Ich kann ihr heutiges Verhalten nicht verstehen, wenn ich nicht die wichtigsten Ereignisse ihres bisherigen Lebens kenne, die Ereignisse, ohne die die Figur heute nicht so handeln würde, wie sie es tut, ohne die es die Geschichte nicht gäbe. Natürlich kann ich solche Ereignisse als Rückblenden erzählen, aber viele Verlage mögen keine Rückblenden und lehnen Romane deshalb ab. Was bleibt ist, die Geschichte früher beginnen zu lassen. Teufelskreis!
Ich weiss immer noch nicht, wann meine eigentliche Geschichte beginnt.
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