...ist eine der schwierigsten Pflichten eines Schreibers. Es tut weh, wenn ich einen Satz streichen muss, an dem ich vielleicht seit Jahren immer wieder gefeilt habe, bis er in strahlendem Glanz dastand, eloquent, elegant, intelligent, perfekt. Auf dem mein Blick voller Stolz ruhte, wann immer ich ihn las.
Aber irgendwann gewinnt ein solcher Satz ein Eigenleben. Ich beginne, um ihn herumzuschreiben, verbiege sogar meine Geschichte, nur damit dieses Kleinod der Schriftstellerkunst so stehenbleiben kann. Und spätestens dann wird es Zeit, ihn auf den Prüfstand zu stellen. Der Kampf beginnt. Ich will es nicht zugeben, aber eigentlich weiss ich, dass der Satz da nicht hingehört, dass er den Erzählfluss unterbricht, dass er stört. Kann ich ihn vielleicht woanders unterbringen? Es muss doch eine Heimat für meinen armen Satz geben, wo er, von allen bewundert, strahlen kann. Ich will ihn nicht einfach aufgeben. Alles in mir wehrt sich dagegen.
Wie gut, wenn man dann jemanden hat, der den Finger auf die Wunde legt und sagt: der Satz muss weg!
Ich habe so jemanden, zum Glück. Meine Schreibfreundin hat wieder Zeit für mich. Sie hat mir gezeigt, dass mein 1. Kapitel nur profitieren kann, wenn ich Landschaftsbeschreibungen und Rückblenden hier herausnehme und vielleicht häppchenweise an späterer Stelle verwende, wenn überhaupt. Sie hat Recht, ich weiß, doch obwohl es mir schwerfällt, ihren Rat anzunehmen, werde ich mich jetzt über mein 1. Kapitel hermachen und radikal alles streichen, was den Erzählfluss und die Spannung stört.
Adieu, all ihr wunderschönen langatmigen Landschaftsbeschreibungen und all ihr wichtigen langatmigen Rückblenden. Einige von euch sehe ich sicher später wieder, vielleicht sogar in einem anderen Roman. Euch anderen alles Gute im Papierkorb. Schluchz!
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