Samstag, 23. März 2013

Recycling

Als ich anfing zu schreiben, etwa Mitte der 90er Jahre, glaubte ich noch, ich müsste meine Geschichte nur in meine elektronische Schreibmaschine hacken (für damalige Verhältnisse ein fortgeschrittenes Schreibgerät, mit dem man Texte speichern konnte!), dann ein paar stilistische Unebenheiten abschleifen und das Ganze drucken. Also schrieb und druckte ich.
Natürlich blieb es nicht beim Abschleifen stilistischer Unebenheiten. Mit jedem Lesen meines Werkes gefiel es mir weniger, ich konnte jedoch nicht ausmachen, woran das lag. Ich schloss mich einer Schreibwerkstatt an und begann, Bücher über das Schreiben zu lesen. Vor allem das Buch "Über das Schreiben" von Sol Stein (im 2001 Verlag erschienen) öffnete mir die Augen für die Fehler, die ich in meinem Roman gemacht hatte und die der Grund für mein Unbehagen beim Lesen meines Werkes waren.
Das zweite große Aha-Erlebnis verschaffte mir meine Schreibfreundin, die ich 2003 kennenlernte und die eine Expertin auf dem Gebiet des Schreibens ist. Sie wies mich auf wesentliche Mängel in Bezug auf meine Charaktere hin,die teilweise psychologisch unglaubwürdig waren und oft ganz anders auf den Leser wirkten, als ich es beabsichtigt hatte. Sie wies mich auch auf viele andere Mängel meiner Geschichte und meines Schreibstils hin, und wenn mir meine Geschichte heute sehr viel besser gefällt, dann verdanke ich es ihren Anregungen und ihrer Kritik.
Kurz gesagt: ich musste meine Geschichte noch viele Male schreiben und drucken. Ein Stapel alter Versionen verstaubt in einem Karton unter meinem Bücherregal.
Nun aber habe ich wieder Verwendung für dieses Altpapier, denn mir kam kürzlich eine Idee.
Die älteren Versionen meines Science-fiction-Romans enthielten an mehreren Stellen längere Auszüge aus einem fiktiven Geschichtsbuch, in dem beschrieben wird, wie die Menschheit sich über die Galaxis verbreitet hat. Dies schien mir eine gute Methode, dem Leser meine Welt der Zukunft vorzustellen und Informationen zu liefern, ohne Infodump zu betreiben, aber die kursiv geschriebenen Textpassagen unterbrachen die Handlung, störten den Lesefluss und waren, wie meine Schreibfreundin ganz richtig bemerkte, sterbenslangweilig. Also habe ich die Zitate entfernt. Wie nun aber die Informationen unterbringen, die ich für notwendig hielt? Als Science-fiction-Leserin möchte ich gerne mehr über die Welt der Zukunft wissen, in der die Geschichte spielt, und ich glaube, auch meine potentiellen Leser werden das über meine fiktive Welt wissen wollen.
Die Idee, die mir beim Nachdenken kam, ist nicht neu, aber deshalb nicht weniger zufriedenstellend: ich werde die Zitate meinem Roman als Anhang anzufügen. Dort kann ich nach Herzenslust meine Welt beschreiben. Leser, die sich dafür interessieren, finden alle erforderlichen Informationen. Und Leser, denen die Historie meiner Welt gleichgültig ist, können der Handlung des Romans ohne Störung folgen.

Und hier kommt nun mein Altpapier ins Spiel. Bevor ich mir angewöhnt hatte, die Passagen, die ich löschen will, auf meinem Computer in einen Ordner "Ausgesondertes" zu verschieben, gingen diese Textteile einfach verloren, und nur in den gedruckten Versionen blieben einige von ihnen erhalten. Auf der Suche nach solchen Stellen in meinem Roman durchstöbere ich nun meine alten Versionen und habe schon so manchen kleinen Schatz entdeckt. Ich tippe die Texte in den Computer, überarbeite sie und lasse sie in den Anhängen in neuem Glanz erstrahlen.
Das ist wahrhaftig literarisches Recycling. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen